Ansicht des Befragten

Es klopfte Abends an meine Tür.
Ich hatte den Schlafanzug schon an, doch mich wunderte es
und die Neugierde zu erfahren, wer der späte Besucher sein könnte,
überzeugte mich davon zur Tür und nicht geradewegs ins Bett zu gehen.
Mit einem Gähnen auf den Lippen und von Müdigkeit leicht zitternder Hand
drehte ich den alten Schlüssel im Schloss und zog die schwere hölzerne Tür auf.

    „Sören! Alter Freund!“,
platze mir der Mann schon entgegen, da hatte ich die Tür nicht einen Spalt breit geöffnet.
    „Die Welt ist groß und bietet unendliche Schätze!
Doch hier im Dorf ist sie klein und wir sehen nicht einmal viel vom Himmel,
da wir in der Talsohle
liegen!“

Es war Martin.
An sich ein begeisterungswütiger Mann, dessen Gedanken nicht selten
fernab der Galaxien zu schweifen schienen,
doch ebenso jemand, den der Anblick einer Krähe tagelang in tiefe Depressionen stürzen konnte.
Er war nicht abergläubisch, was viele vorschnell annahmen.

Ich hatte vielmehr das Gefühl, dass seine Emotionen wie bei einem schlafenden Vulkan zu nah an der Oberfläche lagen
und somit ein kleines Steinchen, vom Wind angestoßen, oft ausreichte,
um in den für andere unbedeutendsten Ereignissen einen Grund zu sehen auszubrechen,
wenn dieser seine Ader streifte.
Das konnte in einem Himmelhoch jauchzendem Lobgesang, an die Götter
oder wochenlanger Prophezeiungen des nahenden Untergangs gipfeln.
Schriftsteller, Philosoph, Künstler.

Er hatte den Geist dafür, den es brauchte, um beim Anblick einer Wolke
ein Bild einer stürmischen See zu malen oder vom nächtlichen Knarren einer alten Diele geweckt,
eine Geschichte von umherstreifenden Dämonen zu schreiben.
Durchweg bewundernswert, doch war die Sprunghaftigkeit oft auch sehr ermüdend.

„Martin, schön dich zu sehen! Es ist spät, aber wenn du möchtest, komm doch rein,
etwas scheint
dich zu beschäftigen. Am besten redet es sich doch bei einem Bie…“
    „Keine Zeit, Sören! Keine Zeit! Die Welt dreht sich emsig,
doch wir stehen nur auf der
Stelle!
Der Stillstand ist der Tod, doch ich will – Nein! – ich muss leben!“

Seine Augen hatten wieder dieses zerbrechliche, euphorische Glühen.
Entweder würden jetzt diffuse Andeutungen kommen, die nur ihm sinnbehaftet waren
oder er würde eine schöne und ausführliche Erzählung folgen lassen,
die leider auch die gesamte Nacht vergehen lassen würde.

    „Da draußen gibt es soviel, Sören! Bernstein besetzte Strände, die im Morgenrot glühen,
Wasserfälle so groß wie Städte, Ebenen die so still sind,
dass man sich selbst nicht hören kann,
wenn man spricht!
Doch hier ist alles immer gleich! Jeder Vogel singt immer das selbe Lied,
beim
Hahnenschrei steigen alle simultan und monoton aus ihren Betten
und sobald die Sonne an die
Giebel stößt, öffnen sich die Türen…
Es gibt nichts Neues!
Jeder Schmied tut jeden Tag den selben Schlag auf der selben Stelle seines
Amboss`,
der Bäcker mischt jeden Tag die selbe Menge Zutaten im selben alten Bottich…“

Seine Stimme voller Hast und Sehnsucht überschlug sich fast und mir kamen schon die Tränen.
Man konnte von Martin halten was man wollte, aber seine Worte trafen immer.
War mein Leben wirklich so grau? Hatte ich nicht in jahrelanger Arbeit mein Leben gut gestaltet?

Meine Kinder waren aufgewachsen, ausgebildet und ausgezogen,
gingen ehrbarer Arbeit nach und führten ein glückliches Leben in ihren eigenen Familien.
Doch es mochte auch durchaus stimmen,
die Welt war groß und von ihr hatte ich bisher wenig gesehen.
Ich vermisste meine Frau, hatte von den Kindern nur an großen Feiertagen noch etwas
und zu erfahren, ob die güldenen Strände, die azurblauen Wogen,
Nebelbänke von hunderten Feldern weit
nur die Fantasien der Autoren mit ihren so anders sehenden Augen waren, reizte mich durchaus.
Worauf wollte er nur hinaus?

    „Morgen!“
Er japste nach Luft.
Während ich mein Leben Revue passieren lassen hatte,
war Martin nicht einmal zu einer Pause erstarrt, sondern hatte ohne zu Atmen weiter geredet.
    „Morgen, werde ich in die Welt hinausziehen!
In dieser Stadt gibt es nichts mehr, was mich
hält!“

Er sah mich eindringlich und fordernd an, seine Augen fixierten mich
und für einen kurzen Augenblick hätte ich schwören können,
dass das eisblaue seiner Iris sich wie brandende Gischt verwirbelte.

    „Und du musst mich begleiten!“

Es entstand eine Pause.
Ich, mit hochgezogenen Augenbrauen, unsicher was ich sagen sollte,
gedanklich noch halb in den Erzählungen aus 1001er Nacht versunken
und er, mit leuchtenden Augen, irrem Grinsen auf den Lippen,
als hätte er Ambrosia getrunken und versuchte mich davon zu überzeugen,
mit an den Tisch der Götter zu treten.

Es war überwältigend.
Irgendwo in meinem Hinterkopf summte etwas,
aber ich war zu perplex und verwirrt, um es zu beachten.
Ich hatte das Gefühl, dass ich hier die Möglichkeit,
DIE Gelegenheit meines Lebens offeriert bekam.
Ich konnte nicht „nein“ sagen.

„Ja, natürlich!“, platzte ich hervor.

Ich hatte ja erst in einer Woche einen Termin, ich hatte Zeit.
Zum Reisen war ich seit Jahren nicht gekommen.
Jetzt würde ich mir mal etwas gönnen…

    „Dann bis morgen!“,
sagte Martin, lächelte selig und wandte sich ab.
    „Morgen, wenn der Hahn kräht und die Sonne an die Giebel stößt,
werden wir vom Markt
aufbrechen!“
„Ja, bis morgen!“, sagte auch ich und schloss die Tür.

 

Ich schlief unruhig und meine Träume waren wirr.
Martin kam darin vor, seine eisblauen Augen fixierten mich.
    „Aber das ist doch ganz normal im Dschungel!“,
hallte seine Stimme von irgendwo.

Ich konnte nicht atmen,
eine gut zwei Ellen dicke Schlange wandte sich um meine Brust und schnürte mir die Luft ab.
    „Das ist ein ganz normales Risiko!“
Echote die Stimme wieder endlos und mir wurde schwarz vor Augen.

 

Dann erwachte ich, nach Luft schnappend und von meiner Decke im Würgegriff umschnürt.
Die Stimme in meinem Kopf war aufgewacht und im Gegensatz zu mir putzmunter.

Eine Woche bis zum nächsten Termin war nicht lang
und auch wenn ich gut wohnte und zur Zeit keine direkten Sorgen um finanzielle Mittel hatte,
musste ich doch schauen, dass ich nicht in Vergessenheit geriet.
Wenn ich nicht bemüht um neue Aufträge war,
konnte ganz schnell die gute Zeit einen jähen Abbruch finden.

Auch ging es mir zwar jetzt gut, doch Reisen war teuer.
Wie weit würde ich mit meinen paar Groschen kommen,
bis ich wieder den Rückweg antreten müsste?
Und wie wahrscheinlich wäre es, dass auf dieser Reise alles gut ginge und kein Wegelagerer,
kein wildes Tier oder Unwetter unsren Weg kreuzen und das so schöne, unbeschwerte Leben,
dass doch gerade erst so entspannt geworden war beendete?

Mich schauderte es.
Und auch… Wenn ich einfach mein Haus verließe, Reisen war teuer…
Wie lange würde es dauern, bis einer aus dem Dorf
– oder gar ein Fremder
ungeahnte Schätze hier vermutete?
Alles mühsam aufgebaute wäre so schnell verwirkt und verloren.

Mein Kopf zermarterte mich.
Zu wenig Schlaf, Alpträume, Pflichtgefühl und Verlustangst
entbrannten in meinem Schädel zu einem lodernden Inferno.

 

Es war schon nach Sonnenuntergang, meine Kopfschmerzen hatten nachgelassen,
die Ängste waren wieder geschwunden und mein Herzschlag hatte sich beruhigt,
da ertönte erneut ein Klopfen an der Tür.
„Oh nein!“, entfuhr es mir tonlos.
Es gab nur einen, der frei von jeglichem Zeitgefühl mitten in der Nacht klopfen kam.
„Martin, es tut mir leid!“, flüsterte ich schuld zerfressen beim Öffnen der Tür.

Er sah fürchterlich aus, die Augen loderten in Verachtung, seine Haltung war verkrampft
und in jedem Atemzug spiegelte sich brüskierend der Vorwurf von Verrat.

    „Ich… hab auf dich gewartet!“, presste er mühsam durch seine Zähne hervor.
„Es tut mir leid, mir ging es nicht…“
    „DU! Hast mir dein Wort gegeben!“, seine Stimme war unerbittlich.
„Ich weiß, verzeih mir bitte, ich war müde, habe nicht richtig nachgedacht…!“
    „Ich habe den ganzen Tag gewartet!“

Es schien, als hörte er gar nicht, was ich sagte,
– Einwände, Erklärungen, Entschuldigungen und Begründungen –
nichts davon hatte eine Bedeutung für ihn.
Das war jetzt sein Moment und ich hatte mir anzuhören, was er zu sagen hatte.

    „Du hast mich tief enttäuscht! Ich dachte, du wolltest die Welt sehen?
Du hast versprochen, dass du mit mir auf die Reise gehst, dein Wort hast du mir gegeben!“
Jetzt sah er mich zum ersten Mal an, als wollte er eine Antwort.
„Martin, es tut mir leid! Ich wäre gerne mit dir auf die Reise gegangen…
Ich kann nur einfach
nicht.
Mir kreisen zu viele Gedanken im Kopf herum, ich kann mein Haus nicht einfach
aufgeben…“

Ich wusste nicht mehr, was ich noch sagen sollte,
wich mit jedem Wort das restliche freundliche aus seinem Gesicht
und hinterließ eine verbitterte Fratze des Hasses und der Enttäuschung.
    „Du wirst nie die goldenen Strände sehen, die Malachitgrünen Dächer des Dschungellaubes…
Du wirst nicht einmal das Tal verlassen, du denkst zu klein..
Tatsächlich, im Stillstand … bist du genau genommen schon tot!“

Er trat rückwärts von meiner Türschwelle und seine Augen schienen rot zu brennen,
wie sie im Schein der Laterne zu mir blickten, bis sie in dem Dunkel der windstillen Nacht verschwanden.
Ich schloss langsam die Tür, tief verletzt.

Martin war ein guter Freund gewesen und auch wenn wir gerne zu hitzigen Diskussionen neigten
und er gerne darauf hinwies, wie viel intelligenter und besser er sei, mochte ich ihn sehr.
Ich trat in die Küche und goss mir ein Glas Wasser ein,
starrte durch das offene Fenster in das Dunkel.

    „ICH!“,
polterte eine Stimme von Gegenüber
    „… habe heute auf dich gewartet!“

Adjaston Ascursol
16.08.2020, 14:57 Uhr

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